Summertime TEXT 1 TEXT 2 TEXT 3 TEXT 4 TEXT 5 Blubb
Schon wieder Geschichte! Mercedes stöhnte auf. Musste das denn sein? Und dann auch noch bei Herr Schant! Stunde um Stunde leierte der Geschichtslehrer beliebige Texte herunter, am liebsten aber über die französische Revolution – ohne Luft zu holen und immer mit derselben monotonen Stimme. Er unterrichtete die Klasse 11b nun schon seit zwei Jahren, doch nie hatte er etwas Anderes gemacht, als auf seinem Stuhl zu sitzen und vorzulesen. Mercedes holte ihren Block mit den vielen Zeichnungen heraus, mit denen sie all die langweiligen Schulstunden verbrachte. Ihre Zeichnungen waren anspruchsvoll und ihr Lieblingsmotiv waren Menschen oder einzelne Schönheiten der Natur. Sie zeichnete immer peinlich genau und konnte Stunden damit verbringen, ein Auge zu perfektionieren oder die richtigen Schatten und Lichtschimmer einzuzeichnen.
Nachdem Mercedes ihre verschiedenen Bleistifte und ihren Block auf den Tisch gelegt hatte, wurde die Türklinke auch schon nach unten gedrückt und Herr Schant betrat das Klassenzimmer – er war immer auf die Minute pünktlich. Er stellte seine Tasche neben dem Tisch ab, legte sein Jackett ordentlich über den Stuhl und setzte sich hin. „Guten Morgen Klasse 11b.“ Die Klasse begrüßte ihn ebenfalls, wenn auch nicht so enthusiastisch, da die meisten Lehrer in den höheren Klassen auf einen Begrüßungschor verzichteten. Auch Mercedes murmelte die Begrüßung und wand sich wieder ihren Zeichnungen zu.
Als es nach 45 Minuten monotonem Gelabere endlich klingelte, stellte sie fest, dass sie jetzt auch noch Mathe haben würde – Freitag ist nun wirklich keiner ihrer Lieblingstage. „Wenigstens haben wir ab heute Ferien..“ murmelte sie Kaja zu, die mit demselben genervten Blick auf den Stundenplan schaute. Kaja war eine der besten Freundinnen von Mercedes, sie war oft etwas seltsam, aber trotzdem mochte Mercedes sie, viele andere Freunde hatte sie ja nicht gerade. Hauptsächlich lag das aber an ihr selbst, sie zog sich oft zurück oder zeichnete, sodass ihre Klassenkameraden gar keine Gelegenheit hatten, mit ihr ins Gespräch zu kommen.
Glücklich über sieben Wochen Freiheit schlenderte sie nach Hause. Sie wohnte recht nah an der Schule, in der Nähe eines Waldes, deshalb musste sie nicht, wie viele Andere, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren. Es war ein schöner und warmer Tag, und die Sonne brach in all den vielen Lücken des Geästs durch, direkt auf den kleinen, erdigen Weg, den Mercedes immer nahm. An einer Stelle des Weges war eine kleine Ausbuchtung, die durch hoch gewachsene Pflanzen eher versteckt war, wo sie sich auch Nachmittags oft hinsetzte, um zu lesen oder mehr noch: um zu zeichnen. Doch heute würde sie sich nicht dort niederlassen, um erneut in einer der spannenden Geschichten über Abenteuer, die in einer völlig fremden und andersartigen Welt stattfanden, zu lesen. Heute würde sie mit dem Hund ihrer Tante, Samur, Gassi gehen. Sie liebte Hunde, und diesen hatte sie gleich von Anfang an in ihr Herz geschlossen. Er war recht groß, kraftvoll und hatte ein wunderschönes hellbronzenes Fell.
Als sie Zuhause ankam, waren weder ihre Mutter, noch ihre Tante da – nur ein Zettel klebte am Kühlschrank und der Hund schlief in einem dreckigen und sehr alten Hundekorb in ihrem Zimmer. „Hey Mercedes. Deine Tante und ich sind in der Stadt und gehen einen Kaffee trinken. Sind heute Abend so um 7 Uhr rum wieder da, geh doch solange mit Samur raus. Kuss, Mama“, Mercedes grinste – dann hatte sie ja noch fünf Stunden Zeit, um ungestört mit Samur herumzulaufen!

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In einer Viertelstunde schaffte sie es, alle Hausaufgaben zu erledigen und sich waldgerechter anzuziehen. Mercedes schnappte sich die Hundeleine und pfiff nach Samur – der natürlich auch sofort angetrottet kam. Fröhlich stieß sie die Haustüre auf und blinzelte in die Sonne und auch Samur bellte voller Sehnen und Freude über den Spaziergang.
Wieder nahm sie den gleichen kleinen Pfad, wie zuvor auf ihrem Schulweg, doch nun bog sie schon früher in einen anderen kleinen Pfad, der direkt zum Wald führte, ab. Nach ein paar Minuten öffnete der Weg sich zu einer riesigen Lichtung. Jedes Mal, wenn Mercedes an dieser Stelle stand, konnte sie nicht anders und musste einfach kurz stehen bleiben, um die Schönheit und Größe der Lichtung zu betrachten. Sie hätte auch stundenlang dort stehen können, ohne etwas anderes zu tun, als die Äste und Blätter, in denen sich das Licht brach, zu bewundern. Nachdem sie wieder mal für ein paar Minuten innehielt, und noch ein ungläubiges „Wunderschön“ hauchte, lief sie mitten durch die Lichtung auf einen gegenüberliegenden, aber dennoch wesentlich größeren Weg als der andere gewesen war, zu. Denn trotz dieser atemberaubenden Schönheit der Lichtung war ihr Lieblingsplatz noch nicht erreicht, denn der war im Herzen des Waldes. Sie liefen und liefen, und viele weitere Minuten verstrichen, bevor der Weg erneut in einer Lichtung mündete. Nur wenig Menschen kannten diese Lichtung, was zweifellos daran lag, dass nur wenig Menschen diese Pfade und Wege kannten, mit denen man zu ihr gelang. Aber auch das machte diesen Platz noch besonderer für Mercedes: Die Stille und die so unberührt erscheinende Natur.
Mitten in der Lichtung war ein riesiger Baum. Nicht größer als die anderen Bäume, jedoch um einiges dicker und kräftiger. Der Baum erschien alt und dennoch stark und auf Mercedes wirkte dieser Baum besonders. Er hatte etwas an sich, genau beschreiben, konnte sie das nicht, doch es war, als würde etwas von ihm ausströmen, etwas wie Kraft oder sogar Macht.
Mercedes leinte Samur ab und kletterte auf den Baum. Da die Äste besonders breit waren, ließ es sich bequem darauf sitzen und ein Ast eignete sich dafür besonders. Es war der drittunterste Ast, und war gleichermaßen versteckt wie auch herausragend. Jemand, der auf diese Lichtung per Zufall gestoßen wäre, hätte Mercedes nicht bemerkt, jedoch konnte sie denjenigen genau beobachten.

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